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Sie sind Orgelkenner? Tief in die Details der ältesten bespielbaren Orgel der Welt führt Sie der Restaurierungsbericht aus dem Jahr 2003 von Prof. Dr. Helmut Fleinghaus. Der Rektor der Hochschule für Kirchenmusik in Herford-Witten war in den Jahren 1987 bis 2005 als Orgelsachverständiger für die Evangelische Kirche von Westfalen (EKvW) tätig.

Restaurierungsbericht

Die gotische Orgel (um 1430) der Ev. St.-Andreaskirche Ostönnen
Soest, Westfalen

Die Anfänge der Geschichte der Orgel der St. Andreas-Kirche in Ostönnen bei Soest lagen bis in die jüngste Vergangenheit im Dunkel. Zwar wird der Name des Erbauers wohl unbekannt bleiben, aber die Untersuchung des Pfeifenwerks, besonders der auf den Pfeifen eingeritzten aus verschiedenen Jahrhunderten stammenden Tonhöhen-, Tasten- und Pfeifenreihenbezeichnungen, durch den belgischen Orgelspezialisten Koos van de Linde 2002 und 2003 brachten eine Klärung. Ein Übriges ergab sich aus den Gutachten über das Alter der verwendeten Hölzer, erstellt durch das Ingenieurbüro Hubert Michel (Arnsberg), und die Untersuchungen der Firma Orgelbau West GmbH (Altenahr) im Zuge der Restaurierungsvorbereitungen und -arbeiten in den Jahren 2000 bis 2003.

Bis der Bielefelder Kantor Walter Haverkamp den Anstoß zur Restaurierung des Instruments gab, das immer schon wegen seines zwar unbestimmten, aber mit Sicherheit hohen Alters das Interesse von Orgelfachleuten und Musikern auf sich gezogen hatte, waren die folgenden Fakten bekannt gewesen: Bevor es durch Johann Patroclus Möller 1721/22 nach Ostönnen versetzt wurde, hatte es in Alt St. Thomae in Soest gestanden, wo es von einem Meister Bartholdus 1586 repariert worden war und zwei neue Register erhalten hatte. Es schlossen sich 1727 und 1739 Balgreparaturen an, 1741 bekam das Gehäuse einen neuen Anstrich, 1760 mussten Johann Georg Fromme aus Soest und 1790 Adolph Schöning aus Münster mit Reparaturarbeiten beauftragt werden. Die Pflege der Orgel lag im 19. Jahrhundert in den Händen der Orgelbauer Dreymann (Beckum), Pohlmann und Tennstädt. Presbyteriumsprotokolle erwähnen den Einbau einer neuen Spielmechanik im Jahre 1888 und den einer neuen Klaviatur im Jahre 1892. 1959 legte die Firma Paul Ott (Göttingen) ein Angebot für die Überholung der Orgel vor, auf die sich ein Gutachten des Orgelsachverständigen Arno Schönstedt von 1962 bezieht, das eine nur teilweise Realisierung der ottschen Vorschläge empfiehlt. Dass Arbeiten ausgeführt wurden, ist deutlich zu sehen, ihr Umfang jedoch ist aus den Quellen nicht mehr eindeutig abzuleiten. Die Orgel, die möglicherweise seit 1874 über dem Altar gestanden hatte, wurde dabei an ihrem heutigen Platz an der Westwand aufgestellt; wahrscheinlich wurden neue Schleifendichtungen eingebaut, Ventile neu beledert, Windanlage, Bälge und Gerüstwerk erneuert, Spieltraktur und Klaviaturen in Stand gesetzt und Veränderungen an den Aufschnitten vorgenommen. Ob der Winddruck von 68 mm WS und die Tonhöhe von 479 Hz für a bei 15,9 Grad Celsius von 1962 oder 1721/22 datiert, ist ungewiss; beides wäre möglich. Erneut beschäftigte sich Ott 1973 mit der Beseitigung von Störungen, über die sich von den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts an die Klagen mehrten. 1989 wurde die Orgel durch die Firma Tzschöckel (Althütte-Fautspach) gereinigt - da im Zuge von Baumaßnahmen in der Kirche Kalkstaub in das Instrument eingedrungen war -, aber in keiner Weise verändert, denn zu dieser Zeit war dem Gemeindepfarrer Martin Gocht der historische Wert der Orgel bereits klar geworden und er vermied bauliche Maßnahmen an ihr, solange ihre historische Bedeutung noch nicht untersucht worden war.

Diese Informationen wurden von den Orgelsachverständigen der Evangelischen Kirche von Westfalen und des Westfälischen Amtes für Denkmalpflege, Manfred Schwartz und Winfried Schlepphorst, detailliert gesammelt und systematisiert. Inzwischen konnten sie in einem Maße erweitert werden, das auch die kühneren Hoffnungen aller Beteiligten übertraf. Schon die Anfangs von Koos van de Linde durchgeführte Sichtung zeigte sehr schnell, dass ein großer Bestand von Pfeifen aus der Gotik stammen konnte; eine genaue Bestimmung der Signaturen ließ eine Datierung von 326 Pfeifen auf spätestens 1500 zu. Die holztechnische Begutachtung ergab, dass im Ornamentwerk neben dem Notenpult Hölzer von 1480, 1461 und 1447 und im Notenpult selbst Hölzer von 1480 und 1435 verarbeitet worden waren. Dies ließ große Hoffnungen keimen, denen aber noch kein brauchbarer Beleg zu Grunde lag, denn Gehäuse und Pfeifenwerk müssen nicht notwendigerweise zur selben Zeit gefertigt werden. Wesentlich enger ist die Beziehung zwischen diesem und der Windversorgung. Im September 2003 lag das Ergebnis der dendrochronologischen Untersuchung vor: Am Gehäuse hatten sich Holzteile von der Unterseite eines alten Blasebalgs gefunden, erkennbar an den Windeinlassöffnungen, aus Bäumen geschnitten, die spätestens 1416 gefällt worden sein mussten, und die Bohlen der Windlade stammen von spätestens 1410. Wurde eine Lagerungszeit des Holzes von 15 Jahren veranschlagt, in der es bis zur Verarbeitung getrocknet wurde, kamen als Entstehungszeit der Windlade Jahre um 1425 bis 1431 in Frage. Dies stimmte mit der Angabe überein, dass die ältesten 326 Pfeifen vor 1500 gefertigt worden seien, von denen nun angenommen werden durfte, dass sie in zeitlicher Nähe zum Bau der Lade und der Windversorgung entstanden waren.

Damit darf vermutet werden, dass die Orgel der St. Andreas-Kirche in Ostönnen eine der ältesten erhaltenen Orgeln der Welt ist, vergleichbar mit denen in Rysum, Kiedrich, Lübeck (St. Jakobi), Altenbruch (St. Nikolai), Harsefeld (St. Marien), Sion und Bologna. Es ist sehr wahrscheinlich, dass sie sogar die älteste unter diesen ist. Damit hat das Instrument eine außergewöhnliche und einzigartige Bedeutung, zumal hier eine so große Zahl von Pfeifen – weit über 50 Prozent – und dazu noch die Lade - der Kasten, auf dem die Pfeifen stehen - und Teile des Gehäuses aus der Entstehungszeit der Orgel stammen.

Die mittelalterliche eichene Lade ist aus einer massiven Bohle gefertigt, in die Kanzellen gebohrt wurden; wo größere Luftmengen benötigt wurden, mehrere Fußbohrungen nebeneinander. Die Registerzüge waren dabei ursprünglich waagerecht auf der Lade liegende Flacheisen, mit denen die Registerschleifen - Lochbretter, die zwischen Ventilen und Pfeifen die Windwege zu je einem Register, also den Pfeifen einer Klangfarbe, freigeben oder blockieren können und so die Auswahl und Kombination einzelner Register erlauben - hin- und herbewegt wurden. Die Ventile sind breit und flach und besitzen abgeschrägte Kanten. Die Ventilfedern sind - mit einigen Ausnahmen - vermutlich noch aus der Entstehungszeit erhalten, eine Seltenheit von besonderem Wert.

Von Ott stammten die stilfremden Dichtungen an den originalen eichenen Registerschleifen und die Ventilbeläge. Ventilkasten, Spunddeckel und ihre Halterungen und Stöcke - zwischen Lade und Pfeifen sich befindende windleitende Holzblöcke - sind ebenfalls original, wenn auch mit modernen Schrauben in den Stöcken versehen. Die Lade wurde bei der Restaurierung soweit wie möglich den originalen Bauprinzipien angeglichen. Die von Paul Ott vorgenommene Ausgießung mit Weißleim war nicht mehr zu entfernen; die Risse im Holz wurden mit Methoden abgedichtet, die mit den im 15. Jahrhundert gebräuchlichen, soweit sie bekannt sind, identisch oder vereinbar sind. Ober- und unterhalb der Schleifen wurden gewebte Dichtungsringe eingebaut. In die Stöcke wurden Schrauben alter Machart eingedreht; alte Schraubenlöcher wurden geschlossen. Über die Stellen, an denen die Mechanik, von den Ventilen kommend, aus der Lade heraustritt, wurde ein zusammenhängender Lederstreifen geklebt, aus dem die Pulpeten - die einzelnen Dichtungssäckchen für jedes Loch im Ladenboden - herausgestülpt wurden, so dass sie die Bewegungen der durch sie hindurchführenden Mechanikteile mitvollziehen können.

Die Spielmechanik und die der Registerzüge stammen vermutlich von Möller, wurden im 19. Jahrhundert eventuell modifiziert und von Ott nicht wesentlich verändert. Die Spielmechanik im Manual verläuft von der Taste über Winkel, Abstrakte - die gerade Verbindung zwischen Winkeln -, Winkel, Abstrakte, Welle und Abstrakte zum Ventil, die Pedaltraktur von der Taste über Abstrakte, Welle und Abstrakte zur Manualtaste, da das Pedal keine eigenständigen Register hat. Der Manualumfang ist C, D - c3 (das tiefe Cis war zur Zeit der Entstehung der Orgel ein praktisch nicht vorkommender Ton, so dass weder die entsprechende Taste noch die zugehörigen Pfeifen eingebaut wurden), der Pedalumfang C, D - g0. Die unterschiedlichen Teile der Mechanik gehören zu verschiedenen Epochen; der hinterste Winkelbalken könnte von Möller herrühren, die Herkunft von Wellenbrett, Eichenwellen, Wellenhalterungen, Winkeln und Winkelbalken war nicht zu klären. Die Winkel und Winkelbalken oberhalb der Manualtasten sind aus Eiche und möglicherweise Obstholz; der hintere Winkel ist als Dreieck aus Blech geformt.

Die Mechanik der Registerzüge führt um die Spieltraktur herum und dürfte aus derselben Zeit wie diese sein. Die Registerzugknöpfe befinden sich über dem Notenpult; hinter der Zugstange wird die Mechanik mit Hilfe liegender Winkel, auf einem diagonal unter der Lade angebrachten Balken aufmontiert, zur C-Seite der Lade zu den jeweiligen Registerschleifen gelenkt; nur die Diskantschleife der Trompete wird von der Cis-Seite aus bedient. Die Registerschwerter stehen senkrecht in einer Holzführung auf einer gemeinsamen Eisenachse. Die Registersteuerung wirkt plump und schwergängig. Die Teilung des Trompetenregisters in Diskant- und Bassschleife wurde vermutlich erst im 18. Jahrhundert vorgenommen und könnte von Möller konstruiert worden sein. Auch die Registerzüge und ihre Beschriftungen - auf dem Staffelbrett stehen Registernamen lateinischen Ursprungs in Antiqua, solche deutscher Herkunft in Frakturschrift - könnten von Möller stammen. Da nicht mehr festzustellen war, welche Trakturkonstruktionen das Instrument vor dem heutigen Zustand gehabt haben könnte, wurde auf eine Veränderung der Bauweise verzichtet und die gegenwärtige restauriert, wobei Kunststoffteile wie zum Beispiel die Nylonaustuchungen der Lager von Metallärmchen durch natürliche und im historischen Orgelbau verwendete Materialien ersetzt wurden. Die ursprüngliche seitliche Führung der Manualtastatur wurde wiederhergestellt, da die von Ott eingesetzten Führungsstifte auf Grund falscher Plazierung Schäden an den Tastenbelägen verursacht hatten. Die von Ott an der Pedaltastatur eingebauten Blattfedern wurden entfernt, die hinteren Führungsstifte wieder eingesetzt und die Tasten auf die Länge gebracht, die sie vor Otts Veränderungen gehabt hatten.

Das Gehäuse der Orgel geht in seinen ältesten Teilen auf die Gotik zurück, hat aber im Laufe der Jahrhunderte, nicht zuletzt durch den Wechsel der Standorte, viele Umarbeitungen über sich ergehen lassen müssen. Teile der Orgel sind an der Gewölbedecke aufgehängt. Die Ornamentik des Gehäuses gehört zum ursprünglichen Bestand, ebenso die Eckpfosten und der auf ihnen ruhende Gurtrahmen. Andere Teile, zum Beispiel die Seitenflächen, sind neu, zum Teil von Ott. Welcher Orgelbauer zwischen dem 15. und dem 20. Jahrhundert welche Merkmale beigetragen hat, ist nicht eindeutig festzustellen, zumal einige Gehäusebretter aus anderen Bereichen des Instruments, zum Beispiel den Windkanälen, genommen und wiederverwendet wurden. Mittelalterliche beschriebene Pergamente wurden an einigen Stellen benutzt, um Risse zu überkleben. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass auch Hölzer aus anderen Orgeln mit verbaut wurden. Es konnte ausgeschlossen werden, dass die Klaviaturen in näherer oder fernerer Vergangenheit an der Seite des Gehäuses installiert gewesen sein könnten. Ein akuter Holzwurmbefall war nicht zu entdecken. Die Pfeifen in der Gehäusefront erhielten nach den Vorschlägen von Orgelbaumeister Rowan West entsprechend dem Originalzustand neue Zinnauflagen und eine Ölvergoldung; die Verzierungen auf den Pfeifenvorderseiten wurden dabei wieder sichtbar gemacht. Die Restaurierung des Gehäuses wird von vom Westfälischen Amt für Denkmalpflege noch zu benennenden Firmen vorgenommen werden.

Die Windanlage war neueren Ursprungs, befand sich samt Motor im Untergehäuse und musste, da sie viel zu klein war, ersetzt werden. Die neuen Keilbälge stehen hinter der Orgel.

Die gotischen Pfeifen haben extreme Wandstärken und bestehen aus reinem gehämmerten Blei, das auf Lehm gegossen wurde. Die größeren Pfeifen haben spitz angerissene Ober- und rund angerissene Unterlabien - gemeint sind die Flächen ober- und unterhalb der Pfeifenmünder; deren Höhe wird auch als Aufschnitt bezeichnet -; ab ca. ½´ Pfeifenlänge sind die Labien nur noch gedrückt. Die großen Prospektpfeifen weisen hohe, spitze Oberlabien und Unterlabien in Form von Eselsrücken auf, die kleinen nur angerissene. Sowohl rechts und links der Labien wie auch an der vertikalen Lötnaht am Kern sind die größeren Prospekt- und Innenpfeifen durch Lötungen verstärkt. (Die Angabe ½´ meint eine Länge von einem halben Fuß [1´ = ca. 30 cm]; wenn von ganzen Registern die Rede ist, wird jeweils die Länge der tiefsten Pfeife angegeben. Ein 8´-Register ist also eines, dessen längste Pfeife 8 Fuß misst.)

Von Meister Bartholdus hat die Orgel Gedackt 8´ und Trompete 8´ als neue Register erhalten, wobei aber im Gedackt altes Pfeifenmaterial Verwendung fand. Bartholdus' Pfeifen sind ebenfalls dickwandig und aus reinem Blei, haben aber eine unregelmäßigere Oberflächenstruktur - möglicherweise sind sie aus gehämmertem Material - und wirken im Vergleich zu den gotischen leicht blaugetönt. Die Oberlabien sind bei den großen Pfeifen des Meisters spitz angerissen, die Unterlabien rund gerissen, die kleineren Pfeifen haben gedrückte Labien. Erhalten sind Fs, G, A, B, dis0 und a2 bis c3 o im Gedackt, die Schallbecher der Trompete bei den Tönen C bis F, G und A bis e2 und die Töne gis2 bis b2 des Principal, die Bartholdus offenbar ersetzt hat. Dies lässt darauf schließen, dass er auch andere Pfeifen repariert haben könnte, die jedoch nicht mehr vorhanden sind.

Möller baute keine vollständigen neuen Pfeifenreihen ein, sondern ersetzte nur irreparable Einzelpfeifen durch insgesamt 91 neue aus Zinn-Blei-Legierungen und behob Schäden an anderen durch Ersetzung einzelner Teile. Charakteristisch ist die nicht abgewaschene rote oder gelbweiße Lötfarbe. Die großen Pfeifen weisen rund angerissene Ober- und Unterlabien auf, die kleineren rund gedrückte. Die meisten Stiefel - die untersten Teile der Pfeifen, die direkt auf dem Stock stehen - und die gedrehten hölzernen Köpfe der Töne C bis B des Trompetenregisters stammen von Möller. (Die Köpfe stecken oben im Stiefel und halten Zungen und Kehlen; bei Zungenregistern wie der Trompete entsteht der schnarrende Ton durch eine im Wind flatternde Metallzunge, die an einem Ende an einem hohlen Metallröhrchen, der Kehle, befestigt ist und mit dem anderen Ende auf sie aufschlägt. Dieser Schnarrton wird durch den auf dem Stiefel stehenden Schallbecher verstärkt.)

Bernhard Dreymann baute 1820 eine vollständige Superoctav 2´ anstelle einer Zimbel und die drei größten Pfeifen der 1´-Reihe der Sexquialtera 2f. sowie wahrscheinlich auch die drei Holzpfeifen C, D und Dis im Gedackt 8´. Die Labien der größten Pfeifen sind rund angerissen, die der kleineren rund und gedrückt mit relativ hohen Oberlabien.

Paul Ott beschränkte sich meist auf Ergänzungen, die baulich wenig Rücksicht auf den alten Pfeifenbestand nahmen. Sämtliche Zungen und Kehlen der Trompete stammen aus seiner Werkstatt. Die Köpfe des Registers bei den Tönen C bis B sind original und erhielten durch Ott lediglich Messingringe zur Halterung der Schallbecher.

Einige wenige Pfeifen wurden von nicht identifizierbaren Orgelbauern hergestellt, so zum Beispiel die Metallpfeifen von E und F des Gedackt 8´, die wohl aus dem 17. Jahrhundert datieren, oder einige Mixturpfeifen mit außen sichtbaren Plattenbreitekreisen, die vermutlich auf das 16. Jahrhundert zurückgehen. Bei diesen ist unklar, ob sie eigens für die Ostönnener Orgel gefertigt oder aus einer anderen unverändert übernommen wurden.

Die Signaturen der Pfeifen zeigen sich als Ton- und eine Art technischer Merkzeichen, beides aus gotischer Zeit, als gotische Lagen- und Reihenbezeichnungen oder Nummerierungen, Tonzeichen Bartholdus´, Tastenbezeichnungen aus dem 17. Jahrhundert, Tonhöhenzeichen aus der Zeit um 1700, Tasten- und Tonhöhenzeichen Möllers, Tastenzeichen aus der Zeit kurz danach, Tonhöhen- und Oktavbezeichnungen Dreymanns und Register- und Tastenbezeichnungen Otts von 1963.

Entsprechend dem Vorschlag von Koos van de Linde wurde das Pfeifenwerk generell nach Möglichkeit auf den Zustand von 1721/22 zurückgeführt, da ohne das Wirken Johann Patroclus Möllers der Pfeifenbestand heute nur noch unvollständig vorhanden wäre und die Qualität seiner Arbeiten so hoch ist, dass es nicht zu verantworten war, seine Pfeifen zu entfernen. Die Beteiligten einigten sich darauf, dass keine gotischen Pfeifen ungenutzt bleiben sollten, Aufschnitte nicht weiter zugelötet werden sollten, als sie es zuvor schon waren, neue Anlötungen aus der Zeit nach Möller sollten entfernt werden dürfen, ebenso Anlängungen von Pfeifen, soweit jene aus der Zeit nach Möller datierten, und neue Anlängungen in Extremfällen sollten vorgenommen werden dürfen. Von Ott gefertigte Pfeifen wurden durch von Rowan West neu gebaute ersetzt.

Der Praestant 8´ steht mit den Pfeifen C bis dis0 und g0 bis e2 im Prospekt - in der Front des Gehäuses. Einige gotische Pfeifen oder solche von Bartholdus wurden durch Möller ersetzt. Die Mensuren zeigen, dass die drei größten Pfeifen der Octav 4´ ursprünglich zum Prospekt gehört haben müssen. Die Restaurierung des Praestant 8´ warf keine größeren Probleme auf.

Das Gedackt 8´ wurde von Bartholdus größtenteils 1586 aus alten gekürzten Prinzipalpfeifen gefertigt. Seitdem wurden die Weitenmaße des Registers zweimal vergrößert, indem die jeweils größten Pfeifen - C und D im 17. Jahrhundert und C, D und Dis von Dreimann 1820 - neu gebaut und die anderen die entsprechende Anzahl von Löchern auf der Lade weitergerückt wurden; das Register hat dadurch also fünf neue Pfeifen bekommen und wurde in seinem Klangcharakter erheblich gegenüber dem Originalzustand verändert. Daher wurde es für sinnvoll erachtet, die drei Pfeifen Dreymanns auszulagern und seine klanglichen Veränderungen rückgängig zu machen; denn die Wiederherstellung eines einheitlichen historisch orientierten Klangbilds wurde gegenüber der Konservierung eines einzelnen Registers als vorrangig angesehen, dessen klangliche Entstehung fast genau 100 Jahre nach der Zeit lag, auf die hin restauriert wurde. In diesem Fall wurde die Pflege des klanglichen Denkmals als wichtiger als die des technischen betrachtet.

Die Octav 4´ stammt insgesamt aus der Zeit vor Möller; nur die Pfeife E, von Ott gebaut, wurde erneuert. Die Quinte 3´ wurde von Möller in Stand gesetzt und zum Teil neu gebaut. Die Wiederherstellung dieser beiden Stimmen im Zuge der Restaurierung war relativ unproblematisch.

Die von Dreymann arg durcheinandergebrachte Mixtur 4f. 2´ ( mit 2´, 1 1/3´, 1´ und 2/3´ auf C und 4´, 2 2/3´, 2´ und 1 1/3´ ab cs1) war so wenig zu rekonstruieren, dass sie bis auf eindeutig zuzuordnende Pfeifen nicht erneut umgestellt wurde, um nicht den einen Fantasiezustand durch den anderen zu ersetzen. Die Superoctav 2´ Dreymanns ist in die Mixtur gestellt und die gotische und möllersche 2´-Reihe der Mixtur wieder einzeln als 2´-Register spielbar gemacht worden.

Ähnliches gilt für die Sexquialtera 2f. 1 3/5´ und 1´. Es wurde bei der Restaurierung angestrebt, die 1´-Reihe nach möllerschem Vorbild ohne Repetition fortzuführen.

Da die Kehlen und Zungen der Trompete 8´ von Ott gebaut wurden und dem Klangcharakter einer Trompete der Zeit Bartholdus´, von dessen Arbeiten noch eine Reihe schwerer alter Bleischallbecher des Registers zeugen, wenig entsprechen, wurden jene Teile neu gebaut. Rowan West wählte dafür als Vorlage die Zungen und Kehlen der Orgel in Uttum von 1529, deren Bauformen den von Bartholdus verwendeten nahe kommen dürften. Da bei Einpassung neuer Ringe zur Halterung der Schallbecher Schäden an diesen hätten verursacht werden können, wurden die Köpfe samt den ottschen Messingringen beibehalten, obwohl diese ursprünglich aus anderem Material bestanden haben dürften.

Der Bleizuckerbefall der Pfeifen war so gering, dass keine Pfeifenfüße ersetzt werden mussten. Statt dessen wurden sie nach Entfernung der Schäden gefirnisst.

Da sowohl für die Gotik als auch für Johann Patroclus Möller das mitteltönige Stimmungssystem als stilistisch einsetzbar gelten kann - bei dem, anders als bei der heute üblichen Stimmung, zum Beispiel von Klavieren, die Tonhöhenabstände von Halbton zu Halbton ungleich groß sind –, wurde es, bezogen auf h als Zentralton, nach Vorlagen von A. Schlick, als der Ostönnener Orgel angemessen betrachtet. Diese Lösung wurde als die für den Bestand schonendste gewählt. Dadurch klingen nun die Tonarten F, D, A, E, C und G besonders rein und reizvoll.

Die Vermutung aller Beteiligten, dass diese Orgel von größtem geschichtlichem Wert sei, hat sich im Laufe der Untersuchungen und Arbeiten in noch größerem Maße erhärtet, als dies zu hoffen gewesen war. Es bleibt ferner zu hoffen, dass die von allen Mitwirkenden und Beratenden gemeinsam getragenen Entscheidungen über die Art und Weise der Restaurierung auch bei wachsendem Abstand von der Gegenwart und zukünftiger Beurteilung werden Zustimmung finden können.

 

Helmut Fleinghaus, 2003

 

Prof. Dr. Helmut Fleinghaus
Im Siekertal 70
32545 Bad Oeynhausen