Ein 500 Jahre altes Hightech-Instrument

Es war schon eine kleine Sensation, die bei der umfassenden Restaurierung der Ostönner Kirchenorgel im Jahr 2003 nach und nach ans Licht kam - im wahrsten Sinne des Wortes. Denn als man das Orgelgehäuse komplett ausräumte, die Orgel auseinander baute, Pfeifen und Hölzer untersuchte, wurde den Experten klar, dass es sich hierbei um die älteste bespielbare Orgel der Welt handelt. Zudem erstaunte die qualitätvolle und überaus kenntnisreiche Arbeit des bis heute unbekannten Erbauers des Instrumentes - Hightech aus dem Mittelalter.

Als die dringend notwendigen Restaurierungsarbeiten begannen, lag die Geschichte des Instrumentes noch weitgehend im Dunkeln. Zwar vermuteten alle Beteiligten, dass die Orgel einen großen historischen Wert hat, doch die Ergebnisse der Untersuchungen, die eine Orgelpfeife sogar ins Krankenhaus führte, überraschte alle Beteiligten. Die Experten sind sich inzwischen sicher, dass diese westfälische Orgel zu den ältesten spielbaren Orgeln der Welt zählt. "Vieles spricht sogar dafür, dass sie die älteste ist", betont Orgelexperte Rowan West.

Bei dieser Feststellung stützen sich Denkmalpfleger und Orgelexperten auf eine ganze Reihe Indizien, die sie bei der zwölfmonatigen Restaurierung entdeckt haben. Die Untersuchungen zeigten, dass viele der Pfeifen aus der Gotik stammten, 326 von ihnen gar vor dem Jahr 1500 entstanden sind. Holztechnische Untersuchungen belegten, dass im Gehäuse der mehrfach umgebauten Orgel Hölzer von 1447 und 1435 verwendet worden sind.

Bei der originalen Bohlenwindlade, auf der die Pfeifenregister stehen, und mehreren Stücken ehemaliger Bälge, die für das Gehäuse wiederverwendet wurden, haben die gotischen Orgelbauer ähnlich altes Holz verwendet: "Das Holz stammt von Bäumen, die 1410 und 1416 gefällt wurden. Geht man von der damals üblichen Holzlagerzeit von 15 Jahren aus, wurde die Windversorgung in der Zeit zwischen 1425 und 1431 gebaut. Damit gehört die Orgel zu den ältesten der Welt", so die damals zuständige Denkmalpflegerin Dr. Roswitha Kaiser vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL).

Auch wenn sich die letzten Geheimnisse der Orgel bis heute nicht klären lassen, hat das Instrument eine ganz  besondere Bedeutung - schließlich sind über die Hälfte der Pfeifen, die Lade, der Kasten auf dem die Pfeifen stehen und Teile des Gehäuses aus der mittelalterlichen Entstehungszeit erhalten. "Damit ist sie gleichzeitig ein wichtiges Klang-, Technik- und Kunstdenkmal", unterstreichen die Experten den kulturhistorischen Wert des Kircheninstrumentes.

In ihrer über 500-jährigen Geschichte hat die Orgel sogar schon einen Umzug hinter sich gebracht. Bis ins Jahr 1721 stand sie in der Soester Kirche Alt St. Thomae. Bereits an ihrem ersten Standort erweiterte sie ein Meister Bartholdus 1586 um zwei Register. Die Orgel wurde unter anderem 1727, 1760, 1888 und 1963 repariert, sie erhielt 1874 einen neuen Platz in der Ostönner Kirche und wurde dabei immer wieder verändert. Vor allem die letzte Reparatur nahm wenig Rücksicht auf den alten Pfeifenbestand der Orgel und verursachte verschiedene Schäden.

Deshalb war allen Beteiligten schnell klar, dass diese Veränderungen wieder zurückgenommen werden mussten. Doch auf welchen Zustand sollte die Orgel zurückgeführt werden? Schließlich einigten sich Denkmalpfleger und Orgelexperten auf den Zustand von 1721, als die Orgel nach Ostönnen kam. Denn ohne die Veränderungen aus dieser Zeit wäre das Pfeifenwerk heute nicht mehr vollständig. Außerdem war die Qualität der Arbeit aus dieser Zeit so hoch, dass es unverantwortlich wäre, die Pfeifen zu entfernen. "Wir haben die Orgel wie in der Gotik üblich gestimmt. Im Unterschied zu heutigen Klavieren sind dabei die Tonhöhenabstände von Halbton zu Halbton unterschiedlich groß. Dadurch klingt die Orgel besonders rein und reizvoll", erläutert Orgelbauer Rowan West.

Die Restaurierungsarbeiten aus dem Jahr 2003 hat das Westfälische Landesmedienzentrum des LWL in einem Videofilm dokumentiert. Dabei hat das Filmteam um Produktionsleiter Hermann-Josef Höper alle Arbeitsschritte im Bild festgehalten: "Wir wollten aber auch die seltene Gelegenheit nutzen, das Innenleben einer historischen Orgel zu zeigen, das sonst nicht zu sehen ist. Mit Detailaufnahmen wollen wir auch dem Laien näher bringen, wie die Königin der Instrumente funktioniert."

LWL/gt

Orgelexperte Rowan West wies einen seiner pfeifenden Patienten sogar ins Krankenhaus ein. Dort galt es herauszufinden, was es mit der merkwürdigen Inschrift im Inneren einer der gotischen Pfeifen auf sich hat. Sie wurde durch die endoskopische Untersuchung, wie sie bei einer Magenspiegelung durchgeführt wird, dokumentiert. Foto: LWL

326 Pfeifen der Ostönner Orgel stammen eindeutig aus der Zeit vor 1500. Foto: LWL/Mahlstedt